Barolo und seine Böden

Barolo und seine Böden

Ein Barolo kann mit Rosen, roten Früchten und feinem Tannin begeistern. Ein anderer wirkt in seiner Jugend verschlossen, dicht und von einer festen Gerbstoffstruktur getragen. Beide entstehen aus Nebbiolo, beide stammen aus den Hügeln der Langhe. Woher kommen diese Unterschiede?

Ein Teil der Antwort liegt unter den Reben. Wer sich mit Barolo beschäftigt, begegnet früher oder später zwei Begriffen: Tortonian soil und Helvetian soil, auf Deutsch tortonische und helvetische Böden. Diese klassische Zweiteilung beschreibt vereinfacht den Westen und den Osten des Anbaugebiets. Sie bietet einen guten Einstieg in die Vielfalt des Barolo, auch wenn die einzelnen Weinberge ein genaueres Hinsehen verdienen.

Im Westen, besonders rund um La Morra und Barolo, spricht man traditionell von tortonischen Böden. Im Osten, vor allem bei Serralunga d’Alba und Monforte d’Alba, von helvetischen Böden. Castiglione Falletto nimmt in diesem Modell eine vermittelnde Position ein, mit unterschiedlichen geologischen Voraussetzungen innerhalb der Gemeinde.

Die Begriffe erzählen zunächst etwas über die Entstehungszeit des Untergrunds. Beide gehen auf marine Ablagerungen des Miozäns zurück: Wo heute Nebbiolo wächst, sammelten sich einst Sedimente auf einem Meeresboden. Über Millionen von Jahren entstanden daraus Mergel und Sandstein. Verwitterung und Erosion formten später die Böden der heutigen Weinberge.

Mit Tortonian soil verbindet die klassische Beschreibung vor allem kalkhaltige, häufig blaugraue Mergel mit unterschiedlichen Anteilen von Ton, Schluff und Sand. Ein konkretes Beispiel liefert die Lage Brunate zwischen Barolo und La Morra: Vietti beschreibt dort typische Sant’Agata-Mergel, einen tiefgründigen, schluffig-tonigen Boden und eine hohe Wasserspeicherkapazität.

Die Weine des westlichen Gebiets gelten traditionell als duftiger, zugänglicher und früher offen. In der Nase stehen häufig florale Eindrücke und rote Früchte im Vordergrund. Im Mund kann das Tannin feiner und die Textur geschmeidiger wirken. „Früher zugänglich“ ist dabei relativ: Auch ein Barolo aus La Morra kann viel Struktur besitzen und lange reifen. Die klassische Einordnung beschreibt eine Tendenz.

Helvetian soil steht in der traditionellen Darstellung für den älteren, stärker von Sandstein und kalkhaltigen Mergelschichten geprägten Untergrund im Osten. Mit diesen Herkünften verbindet man besonders strukturierte, in der Jugend häufig strengere Barolo. Ihr Tannin kann markanter auftreten, ihre Entwicklung mehr Geduld verlangen. Serralunga d’Alba und Monforte d’Alba stehen deshalb oft für jene Weine, deren aromatische Feinheit sich erst mit Luft und Flaschenreife vollständig entfaltet.

Dabei lohnt sich eine geologische Präzisierung: „Helvetisch“ ist ein historischer Begriff, der in der heutigen geologischen Zeitskala nicht mehr verwendet wird. In der Weinliteratur hat er sich erhalten. Für Teile des traditionell so bezeichneten Gebiets ist heute die Einordnung ins Serravallium relevant. Das Tortonium bleibt dagegen eine anerkannte geologische Zeitstufe. Beide Begriffe benennen ursprünglich ein Alter und keine einheitliche Bodenart.

Heutige Beschreibungen unterscheiden deshalb genauer zwischen Formationen wie den Marne di Sant’Agata Fossili, der Formazione di Lequio und den Arenarie di Diano. Besonders interessant: Auch die Diano-Sandsteine werden dem Tortonium zugeordnet. Die einfache Gleichung „Sandstein gleich helvetisch“ geht somit nicht auf. Die geologische Vielfalt verläuft zudem quer durch Gemeindegrenzen.

Das lässt sich in Gattera nachvollziehen. Mauro Veglio beschreibt die Lage an der Grenze zwischen La Morra und Castiglione Falletto ausdrücklich als Begegnung tortonischer und helvetischer Böden. Schon dieses Beispiel zeigt, wie fließend die vermeintliche Trennlinie im Weinberg sein kann.

Für die Rebe zählt schließlich, was der konkrete Boden ermöglicht: Wie viel Wasser hält er zurück? Wie gut fließt überschüssiges Wasser ab? Wie tief können die Wurzeln vordringen? Diese Eigenschaften beeinflussen Wachstum und Reife. Zusammen mit Höhenlage, Exposition und Wetter schaffen sie die Voraussetzungen für den Wein. Die Arbeit im Weinberg und der Ausbau im Keller bestimmen mit, wie diese Voraussetzungen im Glas sichtbar werden.

Wenn ihr die beiden klassischen Seiten des Barolo kennenlernen möchtet, lohnt sich eine Verkostung unterschiedlicher Herkünfte desselben Erzeugers und Jahrgangs. Vergleicht einen Barolo aus La Morra mit einem aus Serralunga d’Alba. Achtet auf den Duft, die Körnung des Tannins und darauf, wie sich die Weine mit Luft verändern.

Für uns bei Florian Fine Wine liegt darin der Reiz dieser Zweiteilung: Sie gibt euch eine erste Orientierung. Mit jedem einzelnen Weinberg wird das Bild genauer. Aus „tortonisch“ und „helvetisch“ werden konkrete Hänge, Böden und Weine, deren Unterschiede ihr selbst entdecken könnt.

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